Der Parkbank Pinkler Kapitel V: auf dem Dick-Werden-Weg

V.

Nachdem ich jahrelang auf und ab diese Straße gegangen bin, weiß ich immer noch nicht, ob man wohnt in der Straße oder an der Straße. Du wohnst drauf, sagt mir eine Stimme, und… Sag mal, ist zwar nicht viel auf den Knochen bei dir, aber schön gepackt auf den Leib, was? Das war der Gedanke dieser Stimme. Soll das meine Stimme sein? – frage ich mich, ist immerhin mein Gedanke. Wie ichs sehe, erwidere ich, hab ich kein Versteck für die Rente, die Zukunft muss dann irgendwo hin. Dies auf den Leib ist gar keine Rettungsringe, aber schon eine Investition in Hüftgold. Für die Zukunft.

Sehr clever, mein etwas speckeltes Menschlein, sagt die Stimme. Jawohl! Alles muss hin. Jaja! Und wie! Oder, wie? – was wir uns doch fragen könnten. Du hast aber die Antwort gefunden! Haha! Und sinnvoll ist das, wenn auch ein Stück sensibel.

Die Stimme geht nicht weg und ich sehe keiner da. Es muss denn meine Stimme sein. Wie das Hagen-Kind gesungen hat muss’s bei mir auch: ich bin mein Radio. Die Frage ist nur, welche Stimme am längeren Hebel sitzt, da – bei solchen Hörspiele, und wie sooft mit zwei Darsteller -, hat eins von beiden eine Art Oberhand in der Beziehung. Zwischen den Textzeilen spielen sie damit und dagegen – und natürlich damit und damit. Soll es eher Improvisation, ist nicht viel sonst vorhanden als Ausstechen, Weichwerden, Nachgeben, Übertreffen usw.

Also spiele ich allein einen zweiseitigen Machtrausch. Auf der einer Seite steht GEBILDET GENUG, gelehrt und selbstbewusst, sowie schlank und gesund; demgegenüber wälzt sich DER DICKE, weniger sicher aber dafür gerissen. Dieser wird mit allem fertig, bis auf den Gipfel, wo er in die Luft gehen dürfte. Jener lässt sich nix sagen, bis dahin, wo jemand ausflippt, dann habe er vielleicht alles nicht so gut durchgedacht.

Gebildet Genug merkt ein Liebespaar mit MäcDoofsäcken ins Auto steigend. Noch schlank sind die, na ja, aber auch noch sehr jung. Ihre Zukunft liegt auch in Gold. So oder so.

Der Dicke hat bestimmt aber auch bei anderen gemerkt, wie sie mit ihren Säcken so rumtreiben, die ja keine Ahnung haben, dass ihre Anschaffens ein dauerhafte Wirkung sich austreiben lassen, nicht?

Naja, ohne feste Liegestelle ist schwer genug, mit oder ohne Sonstiges. Ich gönne meinen Abstellplatzlosen Mitmenschen ihre lebenswichtige Plastikwände.

O, nein! Versteh mich nicht falsch. Ich rede nicht von diesen, sondern von jenen! Die, die nicht wissen, wie man mit nur wenig doch noch sonst gut auskommen kann, wie wir es gut wissen, weist du?

Ich weißs ni…

Weißt du schon! Wie du es gerade gesagt hast, mit dem Speckröllchen der Zukunft in so angemessenen Maß!

Das war nur ein Jux!

Aha! Die Wahrheit in der Komödie! So etwas kann man nicht verstecken! Hören Sie (wir siezen uns plötzlich?): Es gibt zwei Arten selbstzufriedenen Einkaufserzähler auf dieser Erde und zwar nicht vor allem im Westen – da die im Orient, wo wir ja Runterhandeln herhaben, da sind diejenigen, die einerseits den Verkäufer, bzw. die Verläuferin jammer-feilschen, jammer-feilschen ganz runter jagen, um nur fies beleidigend, als ob großzügig schließlich, das Originalangebot doch zu bezahlen -, also, ja zwei Arten darunter: es sind die, die majestätisch davon erzählen, wie viel sie für etwas bezahlt haben, und die, die glücklich erzählen, wie wenig.

Wie fest ist denn der Zusammenhang zwischen Preisangebot und Nachfrage? Ich persönlich (persönlich? frage ich mich) nenne das einen Trend eher eine Regel, aber trotzdem zeichnet uns dieser Trend aus, wie wenig der Preis zu tun hat, mit Qualität, und wenn überhaupt, sind diese… diese Qualitäten nicht gut oder schlecht, sondern jeweils einigermaßen Kulturformend.

Ist es ein Schnäppchen oder ein Beschiss?

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Am Nachmittag vorletzten Dienstag fanden Wanderfreunde im Treptower Plänterwald eine zum Teil skelettierte Leiche. Der Tote war im Waldboden verdeckt worden. Hunde hatten die Knochen wieder freigelegt.

Die Ermittlungen der Rechtsmediziner ergeben, dass der Mann vor Monaten erschlagen und dort vergraben worden war. Wegen des neben der Leiche verborgenen Schlafsacks, wie von der Berliner Stadtmission ausgegeben, vermuten die Ermittler der Mordkommission, dass es sich um einen Obdachlosen handeln könne.

Die Polizei fragt, wer im Plänterwald verdächtige Beobachtungen gemacht hat im Bereich des Fundorts oder an den östlichen Wegen des Volksparks.

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