Der Parkbank Pinkler Kapitel XVII: Grund genug

„Es ist die Frage, weiter, rücksichtslos weiter, oder aufhören, Schluss machen.”

—Thomas Bernhard
XVII.

Er sitzt auf einem Bett allein im Haftraum. Es liegen gegen ihn Hinweise für drei verschiedene Straftaten vor. Das ist Grund genug, ihn hier zu behalten. Verdächtigt ist er, einen Obdachloser in Hafennähe erschlagen zu haben. Der Verdächtiger wurde aufgefunden, mit der vermutlichen Opferjacke bei, samt Blutflecken. Er hat die Tatsache weder eingestanden noch bestritten. Wie er in den Besitz vom Bekleidungsstück kam, hat er bisher geschwiegen. Präzisere Details zu den Vorwürfen gibt es auch noch nicht.

Vor etlichen Stunden am Uferweg hinter Märkischem Platz wurde er von einem Streifenpolizist wachgerüttelt. Vielleicht ist es schon ein Tag her. Wenige Tagen davor war dieser Wachmeister auf den relevanten Ermordeten gestoßen, auf den selben Bank liegend, Kopf in Richtung Jannowitzbrücke zeigend, wie später der vom vermutlichen Täter, was der Blauer nicht umhin kam zu bemerken, wenn auch nur nebenbei.

Nun ist es unserm Verdachtsperson nicht entgangen, dass dieses Bett jener Schlafbankfläche in Größe und Form entspricht. Es ist wohl von dünn gepolsterten Brettern im Knast die Rede, aber den eckigen Latten gegenüber, was nicht unerheblich zu Hüft- und Nierenschmerzen führt, fühlt es sich hier behaglich an.

Er wägt das Für und Wider weiter ab: Hier gibts Schlafplatz und Essen. Wärme. Ein Klo. Eine Dusche. Selbstverständlich, nimmt man an, jedoch Schurken, die einem eventuell Gewalt antun. Doch draußen gibts sie auch. Und Mord ist grad angesagt. Dafür ist die Zeit irgendwie. Schlafplätze und Essen sind scheiße und stets aufdringlich im Kopf anstatt im Magen. Matratze wird irgendwann immer geklaut. Auch wenn es nicht kalt ist, ist es manchmal kalt.

Außerdem gibts keinen Blickkontakt mehr, geschweige denn das Miteinander. Ob es hier drin gibt? Auf der Straße wird es sich überall vor Unbehagen bis Ekel abgewendet. Dadurch wird sich die Minderwertigkeit andauernd verfestigt. So bloßgestellt zu werden, dass einer in diesem Welt versagen hat. Dass einer den Wille nicht besitzt. Dass man ab irgendwann diesen Wille als unerreichbar erlebt und auf dem Gehweg sitzt und Blickkontakt meidet auch nur kurz zu sehen zu bekommen.

Und das noch indirekt gegenseitig von der breiten Masse, indem sie den Blick meidet auch nur kurz zu werfen, um nicht selber bloßgestellt zu werden, dass sie einiges erkennt. Dass zum Beispiel Wohnungslosigkeit eine Ursache des Alkoholismus sei, ist Quatsch. Weil, was auch nur teilweise Quatsch ist, ist schlicht Quatsch. Dass obwohl es sich allezeit besoffene Penner gab — mit Leberzirrhose bis in der rot befleckten Nase erscheinend, die den größten Schauplätze der Erde schmücken und besudeln —, dass eine ursprüngliche Ursache tief in sich herumtreibt und sich wiedererkennt in den menschlichen Steinen, die in den Weg liegen.

Dass, was teilweise Quatsch ist, ist schlicht Quatsch, insofern Symptome zur Ausrede werden, Grund genug, dem Bettler keine Hilfe zu leisten und, wenn schon, nicht weil er damit Alkohol sucht, sondern weil er nicht im Besitz von diesem Willen ist. Tief im Inneren erkennt man den Unterschied zwischen diesem Willen und dem Lebenswillen. Ersteres ist Lebenslust, was unser Gefangener vermutet, nur gerochen zu haben. Gesehen. Gehört. Davon gehört. Observiert.

Zwischen damals, als er glücklich genug war, Unterlage und Wände unterm Dach zu haben — Grund genug, glücklich zu sein und trotzdem nicht glücklich —, und seitdem er auch ohne dieses weitermacht, ist der Lebenswille ohnehin de facto vorhanden. Und nun, obwohl das Ernähren eine Frage von Ob anstatt Wann und Wo und Wieviel ist, eine gewisse Ungewissheit herrscht über alles, die sagt, falls einer zuhört, warum man so treibt. Warum nur?

Diese allmächtige Ungewissheit heißt Todesangst. Ebenfalls darum wird den Blick abgewandt. Überdies ist das Augenkontakt soweit verloren wie es aus dem Gedächtnis unsrer Verdachtsperson verschwunden, wann er das erste Mal erkannte, mit dem Fluch von Lebenswille ohne Lebenslust beladen zu sein.

Zumindest von der Lage her sind alle Gefangene einigermaßen gleich. Ob sie vertraut verkehren ist rein akademisch. Das Arbeitsrätsel erledigt sich auch. Hier bedrängt der Wille nur die, die auf freiem Fuß wollen. Heute Nacht wurde gegessen und gut geschlafen. Grund genug zu gestehen ist seiner Gedanke, was sich von selbst versteht und auf ihn wirkt geradezu wie eine gewaltige Erleichterung.

Mit einem aufschreckenden Knall wird die Flurtür aufgesperrt. Widerhallende Sohlen begleiten einen schleppenden Schlüsselbund und kommen der Zelle nah. Der Schatten des Wärters kommt zuerst an, dicht gefolgt von seiner Gestalt. Sie versammeln sich vor den Gitterstäben und werfen einen neuen Schatten dahinter. Der stoppt, schließt um, schiebt auf und meint, »Die Beweiskraft der Indizien reicht nicht aus um Sie hier weiter festzuhalten. Sie dürfen nun gehen.«

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