Der Parkbank Pinkler Kapitel XIX: das Abkommen Teil eins

XIX.

Auf dem Weg in den Verhörraum fing das Gespräch mit dem Verhältnismäßigkeitsprinzip an, ob das Vermummungsverbot für Demonstranten nicht etwa unverhältnismäßig wäre, insofern als, je gefährlicher der Polizist, umso wahrscheinlicher sei er denn auch so vermummt. In dem Sinne gebe es so gut wie keinen Unterschied zwischen Lockspitzeln, bekleidet unter Demonstranten zum Einmischen und gegenüberstehende ahnungslose Kollegen Antreiben, und V-Menschen, angeblich zum Einsatz bei Strafverfolgungsbehörden gekommen, um Wurzeln im Kriminellmilieu zu instrumentalisieren, und Bullen. Die begehen Straftaten mit einem Freibrief, Verbrechen verübt wie geübt als wesentlicher Bestandteil der Fachausbildung.

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Der Parkbank Pinkler Kapitel XVIII: eine Wirr-Erklärung

XVIII.

Angesagt wird bestimmt nun ein Wort über unser Thema und, wo wir gerade dabei sind, über die Erzählweise, deren nervensägend prätentiöse Vorspiegelung — die uns womöglich beziehungsweise höchstwahrscheinlich unnötig verwirrend und verschachtelt vorkommt —, markant versucht, uns vom Thema abzubringen. Und sind wir schon dabei, unter anderem die Fragestellung der Erzählperspektiven auszutragen, würde es auch nicht schaden, ein Kapitel gleich auf Metaebene zu verfassen. Wir sind schon dabei.

In engeren Sinn heißt „dabei”, dass das Wir zusammenführt, was auch immer noch zusammen fährt. Obwohl es vorgeblich viele gibt, vermeintlich unzählig viele, die nicht mit uns zusammenfahren, wird sie denn auch nicht hiermit, zumindest nicht explizit hiermit, zusammengefasst. Das einbegriffene Wir dürfte nur schwerfällig behaupten, gerade diese Worte nicht mitzulesen, es sei denn mit Lesen ist Deuten gemeint, oder die Frage zum Lesen würde von Dritten angeschnitten, was hieße, vom angehend neutralen Erzähler. Sind wir neutral? Dachten wir auch nicht. Fahren wir weiter zusammen in unserer Wir-Erzählungs-Vehikel, ohne Ausstiegsklausel vorgesehen.

Wo waren wir? Ach, ja, das Thema. Egal wie hart unsere Zeiten für uns, sind unsere Zeiten für andere noch härter. Andere sind Dritten, wozu wir selbst als andere Dritten nicht gehören, obwohl jene ihre wie diese unsre eine Ganzheit gestalten. Wir streben doch danach, zu dem Ganzen nicht zu gehören, oder vielleicht nur — nicht ganz zu gehören. Wenn auch uns selber zuliebe, glauben wir nicht zur Sache gehörig zu sein. Wir sind trotzdem genau das, denn es gibt keine Drittperson außer jener, mit der wir uns kurz jedoch immer wieder vom Thema ablenken, in der dritten Person erzählt und verwirklicht. Wir sind zur Sache gehörig, indem wir untrennbar zum Ganzen gehören und darüberhinaus zum Ganzen des Ganzen.

Wir meinen nicht, als wären wir uns nie mit Dritten identifizieren können. Es ist das Schaffen der von uns gelenkten Erzählkunst, das uns trotz Fremdwahrnehmung so allgegenwärtig wie das Menschendasein ermöglicht, uns in allerhand Bilderstürmer hineinzuversetzen und einzufühlen. Es ist aber auch ein und dasselbe Erzählprinzip, was zu unsrer immer währenden Verfremdung beiträgt und diese hochhält.

Während wir uns als Einzelne vorstellen, gehörig sind wir zum Zusammenhang und Widerstreit. Wenngleich wir uns teilen in sie und sie, gehörig sind wir zum Regiment sowie Opfern. Wenn wohnen wir auch nur von der Hand in den Mund, oder mit nichts mehr als Sternhimmel als Dach über den Kopf, gehörig sind wir zur Marine und Milchstraße ebensogut wie zum Wald und Tierkreis.

Es wurde einmal gesagt, es gebe drei Wahrheiten: Eine für einige, eine andere für viele andere, und ein gewisses Unbekannte. Im weitesten Sinne möglich sind diese wohl Wahrheiten. .  . drei Unwahrheiten. Auf dreierlei Art auch lassen sich Lügner und Nichtlügner vergleichen: Der Lügner beschäftigt sich mit dem Lügen zu sehr, um Zeit zu verschwenden, darauf zu beharren, dass er irgend eine Wahrheit sagt. Dabei befassen sich Nichtlügner so tief mit der Lüge, da sie nie vergessen, dass sie eine Lüge leben und dadurch entschlossen sind, elegant in der Philosophie von bedingte Wahrheiten zu äußern. Und der entscheidende Faktor, wie sich Lügner und Nichtlügner von einander absetzen? Der bleibt unbekannt. Dasselbe gilt für Dieb und Nichtdieb.

Die Übertragung vom Folgenden wirkt klar aber nicht unbedingt unmittelbar: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.” Da wird wohl eine Idee besagt, die aber aus anderer Perspektive noch direkter aussieht: Was wir tun, tun wir uns. Leider sind wir nicht so direkt belehrbar. Daher die dritte Person.

Aber was ist unser Punkt? Wann kommen wir endlich zum Punkt? In der Frage steht die Antwort: endlich. Wir kommen entsprechend unserm Thema alle zusammen zuerst zu einer Reihe von Nebensätzen, zwischen welchen, wie üblich, Kommas hinabhängen, und dann, genau wo er doch hingehört, kommen wir schließlich zum Punkt.

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Crim’s Lead Hat Ink

Of crimson kings and talkin’ heads… I said as I read what had prompted Facebook Fripp to post:

From Adrian Belew’s FB page. A longer discussion is possible of this, and most likely not a happy one. The happier version is, both the excellent AB Power Trio and King Crimson are playing live, and both have interesting repertoires.
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Ode to Cabbage

There’s a dearth of cabbage, that kraut helmet of green
On these pages, be they leaves or my unraveling.
Far be it for me— er,  Be – It – Far – From —
O! fuckit! Farbeitfrom should be gum.Farbeitfrom me to judge olde histories,
Mine’s an umpire’s perception’s opinion.
What’s forgot’s now lost to untold mysteries;
Losers annals aren’t Clio’s dominion.

Behold! hungry mourner, there’s gold been buried,
A dirge not so sad, after all.
Arise! hop ‘n’ clap, sing it slow, then hurried,
Drive the fall of the soul to the wall!

For this elegy’s a chant, ifyewill, it’s a song
A ballad, a caroled incantation
Of laudatory force to wake forth, to wake long,
So sing it! unto syne reputation!

Fare thee well, hair helmet of cabbage, we knew
Hardly you, or your twilight’s bread unleavened.
Your legacy’s the chancellorship’s prolonged hew’,
Lured and end doer’d and for good eighty-seven’d.

It’s of goals got, this bestowment —
Be it obit, be it passed, be it death be not proud.
See! the eyes in the head cannot hide, betray it loud:
“This must be my proudest moment.”

Verdict: the Kissinger Prize, May 2011 – Berlin

 

Let’s Get Lit

Worse than its misapplication is the superfluous “literally” in lieu of an already perfectly gratuitous “like”. Like, way worse. I am herewith copping to its being my own pet peeve in the sense that when I hear or read it I get irritated. Like, really irritated. Literally like. Not metaphorically maybe, but literally literally. Also, as a pet peeve it represents an almost subliminal sense of superiority on my part even though I know I am inferior in more ways than are countable, and how the simple occurrence of its use makes it silly and stupid of me to allow it to get on my nerves. File this paragraph under “that said”. Continue reading

Der Parkbank Pinkler Kapitel XVII: Grund genug

„Es ist die Frage, weiter, rücksichtslos weiter, oder aufhören, Schluss machen.”

—Thomas Bernhard
XVII.

Er sitzt auf einem Bett allein im Haftraum. Es liegen gegen ihn Hinweise für drei verschiedene Straftaten vor. Das ist Grund genug, ihn hier zu behalten. Verdächtigt ist er, einen Obdachloser in Hafennähe erschlagen zu haben. Der Verdächtiger wurde aufgefunden, mit der vermutlichen Opferjacke bei, samt Blutflecken. Er hat die Tatsache weder eingestanden noch bestritten. Wie er in den Besitz vom Bekleidungsstück kam, hat er bisher geschwiegen. Präzisere Details zu den Vorwürfen gibt es auch noch nicht.

Vor etlichen Stunden am Uferweg hinter Märkischem Platz wurde er von einem Streifenpolizist wachgerüttelt. Vielleicht ist es schon ein Tag her. Wenige Tagen davor war dieser Wachmeister auf den relevanten Ermordeten gestoßen, auf den selben Bank liegend, Kopf in Richtung Jannowitzbrücke zeigend, wie später der vom vermutlichen Täter, was der Blauer nicht umhin kam zu bemerken, wenn auch nur nebenbei.

Nun ist es unserm Verdachtsperson nicht entgangen, dass dieses Bett jener Schlafbankfläche in Größe und Form entspricht. Es ist wohl von dünn gepolsterten Brettern im Knast die Rede, aber den eckigen Latten gegenüber, was nicht unerheblich zu Hüft- und Nierenschmerzen führt, fühlt es sich hier behaglich an.

Er wägt das Für und Wider weiter ab: Hier gibts Schlafplatz und Essen. Wärme. Ein Klo. Eine Dusche. Selbstverständlich, nimmt man an, jedoch Schurken, die einem eventuell Gewalt antun. Doch draußen gibts sie auch. Und Mord ist grad angesagt. Dafür ist die Zeit irgendwie. Schlafplätze und Essen sind scheiße und stets aufdringlich im Kopf anstatt im Magen. Matratze wird irgendwann immer geklaut. Auch wenn es nicht kalt ist, ist es manchmal kalt.

Außerdem gibts keinen Blickkontakt mehr, geschweige denn das Miteinander. Ob es hier drin gibt? Auf der Straße wird es sich überall vor Unbehagen bis Ekel abgewendet. Dadurch wird sich die Minderwertigkeit andauernd verfestigt. So bloßgestellt zu werden, dass einer in diesem Welt versagen hat. Dass einer den Wille nicht besitzt. Dass man ab irgendwann diesen Wille als unerreichbar erlebt und auf dem Gehweg sitzt und Blickkontakt meidet auch nur kurz zu sehen zu bekommen.

Und das noch indirekt gegenseitig von der breiten Masse, indem sie den Blick meidet auch nur kurz zu werfen, um nicht selber bloßgestellt zu werden, dass sie einiges erkennt. Dass zum Beispiel Wohnungslosigkeit eine Ursache des Alkoholismus sei, ist Quatsch. Weil, was auch nur teilweise Quatsch ist, ist schlicht Quatsch. Dass obwohl es sich allezeit besoffene Penner gab — mit Leberzirrhose bis in der rot befleckten Nase erscheinend, die den größten Schauplätze der Erde schmücken und besudeln —, dass eine ursprüngliche Ursache tief in sich herumtreibt und sich wiedererkennt in den menschlichen Steinen, die in den Weg liegen.

Dass, was teilweise Quatsch ist, ist schlicht Quatsch, insofern Symptome zur Ausrede werden, Grund genug, dem Bettler keine Hilfe zu leisten und, wenn schon, nicht weil er damit Alkohol sucht, sondern weil er nicht im Besitz von diesem Willen ist. Tief im Inneren erkennt man den Unterschied zwischen diesem Willen und dem Lebenswillen. Ersteres ist Lebenslust, was unser Gefangener vermutet, nur gerochen zu haben. Gesehen. Gehört. Davon gehört. Observiert.

Zwischen damals, als er glücklich genug war, Unterlage und Wände unterm Dach zu haben — Grund genug, glücklich zu sein und trotzdem nicht glücklich —, und seitdem er auch ohne dieses weitermacht, ist der Lebenswille ohnehin de facto vorhanden. Und nun, obwohl das Ernähren eine Frage von Ob anstatt Wann und Wo und Wieviel ist, eine gewisse Ungewissheit herrscht über alles, die sagt, falls einer zuhört, warum man so treibt. Warum nur?

Diese allmächtige Ungewissheit heißt Todesangst. Ebenfalls darum wird den Blick abgewandt. Überdies ist das Augenkontakt soweit verloren wie es aus dem Gedächtnis unsrer Verdachtsperson verschwunden, wann er das erste Mal erkannte, mit dem Fluch von Lebenswille ohne Lebenslust beladen zu sein.

Zumindest von der Lage her sind alle Gefangene einigermaßen gleich. Ob sie vertraut verkehren ist rein akademisch. Das Arbeitsrätsel erledigt sich auch. Hier bedrängt der Wille nur die, die auf freiem Fuß wollen. Heute Nacht wurde gegessen und gut geschlafen. Grund genug zu gestehen ist seiner Gedanke, was sich von selbst versteht und auf ihn wirkt geradezu wie eine gewaltige Erleichterung.

Mit einem aufschreckenden Knall wird die Flurtür aufgesperrt. Widerhallende Sohlen begleiten einen schleppenden Schlüsselbund und kommen der Zelle nah. Der Schatten des Wärters kommt zuerst an, dicht gefolgt von seiner Gestalt. Sie versammeln sich vor den Gitterstäben und werfen einen neuen Schatten dahinter. Der stoppt, schließt um, schiebt auf und meint, »Die Beweiskraft der Indizien reicht nicht aus um Sie hier weiter festzuhalten. Sie dürfen nun gehen.«

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The Fist of May

As it relates to the fruits of labor beyond just harvest, this first day of May means a number of things, down to nothing, depending upon where one comes- or is coming from. Being an American by arbitrary birthright I can observe the spectrum from ignorance to disregard. The European perspective — which, perspectives being as they are, one should in no way claim capacity of even the most far-flung interpretive representation — is hardly of one voice as to the significance of International Workers’ Day, or how it should or shouldn’t be observed.There are non-Europeans who think they know how things are different in Euroland and are comfortable acting as authority on the matter. There are non-Euros who know better, but act as authority all the same. There are those who admit ignorance, but will say they get the general idea and don’t have too big a problem arguing a viewpoint on it. There are those who are less comfortable in this final regard, but not to the extent that you won’t hear plenty of peep out of them. Wherever the end of this line is, it doesn’t have anyone on it who’ll admit they don’t know what the fuck they’re talking about, counting myself. If there’s a silent majority, they ain’t sayin’ shit.

About the First of May: it’s easy to bear distant witness to people throwing bottles at cops or breaking windows and setting things on fire and saying that this isn’t what the celebration is supposed to be about. If there’s any safer an utterance on the subject than, “It’s supposed to be a peaceful demonstration of (compete cliché here),” I can’t recall hearing it. On the flipside, there’s no rounder a rebuke guaranteed than if you were to state certainly that breaking shit is in fact what it is all about.

Take the events 131 years ago surrounding Haymarket Square in Chicago as substantiated origin of today’s holiday in Europe and you have a parallel of competing stories as to what inspired what took place then — including who was involved and why, and what ultimately resulted and who all were instrumental in that — that lend remarkable credence to the appropriateness of this recurring annual symbolism of “we just wanna barbecue” vs. “get in line or stay away” vs. “peacefully demonstrate” vs. “stand up and be counted” vs. “make a ruckus” vs. “break the fucking system”.

If, on the other hand, the aforesaid safest interpretation of the meaning of these gatherings is the one viable demonstration, it seems to me like an awful lot of marching under the aegis of advertising democracies whose backdrop is an infrastructure of hierarchy that democracy is helpless to change more than indirectly rearrange.

Enter the Strike: standing up to sit down, walking in to walk out, shouting out to shut down, fully embracing boycott. These are all actions that, even if you see them as passive resistance, will most certainly beget an increase in violence one must be prepared to withstand in order to remain resolute enough to make a difference. Unfortunately, this threat of reactionary beatdown does not, in my opinion, factor into why the workers of the world will never unite to overcome those who own the right to hire and fire them under conditions that mutate with the times. Moreover, the lack of solidarity is not only due to inadequate organisation, but down to lack of unity of enlightened desperation: It requires the participation of a broad range of people of centuries-long indoctrination who are everything from too in need of their income to feed their own, to comfy enough in their consumer habits and don’t want to rock the yacht.

The most quickly dismissed are the ones who stand up. Given that the elections that dominate much of the world’s news these days are in a myriad of ways rigged at their outset, voting is anything but standing up. It serves first as an outlet of plausible freedom. If we really wanted the world free of its oppressors, the world’s workers’d be on strike and her unemployed boycotting everything else.

And the action alone is not enough. If it’s true that the price of liberty is eternal vigilance, the strike would have to be permanent.

solidarity forever