Der Parkbank Pinkler Kapitel XIX: das Abkommen Teil eins

XIX.

Auf dem Weg in den Verhörraum fing das Gespräch mit dem Verhältnismäßigkeitsprinzip an, ob das Vermummungsverbot für Demonstranten nicht etwa unverhältnismäßig wäre, insofern als, je gefährlicher der Polizist, umso wahrscheinlicher sei er denn auch so vermummt. In dem Sinne gebe es so gut wie keinen Unterschied zwischen Lockspitzeln, bekleidet unter Demonstranten zum Einmischen und gegenüberstehende ahnungslose Kollegen Antreiben, und V-Menschen, angeblich zum Einsatz bei Strafverfolgungsbehörden gekommen, um Wurzeln im Kriminellmilieu zu instrumentalisieren, und Bullen. Die begehen Straftaten mit einem Freibrief, Verbrechen verübt wie geübt als wesentlicher Bestandteil der Fachausbildung.

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Der Parkbank Pinkler Kapitel XVIII: eine Wirr-Erklärung

XVIII.

Angesagt wird bestimmt nun ein Wort über unser Thema und, wo wir gerade dabei sind, über die Erzählweise, deren nervensägend prätentiöse Vorspiegelung — die uns womöglich beziehungsweise höchstwahrscheinlich unnötig verwirrend und verschachtelt vorkommt —, markant versucht, uns vom Thema abzubringen. Und sind wir schon dabei, unter anderem die Fragestellung der Erzählperspektiven auszutragen, würde es auch nicht schaden, ein Kapitel gleich auf Metaebene zu verfassen. Wir sind schon dabei.

In engeren Sinn heißt „dabei”, dass das Wir zusammenführt, was auch immer noch zusammen fährt. Obwohl es vorgeblich viele gibt, vermeintlich unzählig viele, die nicht mit uns zusammenfahren, wird sie denn auch nicht hiermit, zumindest nicht explizit hiermit, zusammengefasst. Das einbegriffene Wir dürfte nur schwerfällig behaupten, gerade diese Worte nicht mitzulesen, es sei denn mit Lesen ist Deuten gemeint, oder die Frage zum Lesen würde von Dritten angeschnitten, was hieße, vom angehend neutralen Erzähler. Sind wir neutral? Dachten wir auch nicht. Fahren wir weiter zusammen in unserer Wir-Erzählungs-Vehikel, ohne Ausstiegsklausel vorgesehen.

Wo waren wir? Ach, ja, das Thema. Egal wie hart unsere Zeiten für uns, sind unsere Zeiten für andere noch härter. Andere sind Dritten, wozu wir selbst als andere Dritten nicht gehören, obwohl jene ihre wie diese unsre eine Ganzheit gestalten. Wir streben doch danach, zu dem Ganzen nicht zu gehören, oder vielleicht nur — nicht ganz zu gehören. Wenn auch uns selber zuliebe, glauben wir nicht zur Sache gehörig zu sein. Wir sind trotzdem genau das, denn es gibt keine Drittperson außer jener, mit der wir uns kurz jedoch immer wieder vom Thema ablenken, in der dritten Person erzählt und verwirklicht. Wir sind zur Sache gehörig, indem wir untrennbar zum Ganzen gehören und darüberhinaus zum Ganzen des Ganzen.

Wir meinen nicht, als wären wir uns nie mit Dritten identifizieren können. Es ist das Schaffen der von uns gelenkten Erzählkunst, das uns trotz Fremdwahrnehmung so allgegenwärtig wie das Menschendasein ermöglicht, uns in allerhand Bilderstürmer hineinzuversetzen und einzufühlen. Es ist aber auch ein und dasselbe Erzählprinzip, was zu unsrer immer währenden Verfremdung beiträgt und diese hochhält.

Während wir uns als Einzelne vorstellen, gehörig sind wir zum Zusammenhang und Widerstreit. Wenngleich wir uns teilen in sie und sie, gehörig sind wir zum Regiment sowie Opfern. Wenn wohnen wir auch nur von der Hand in den Mund, oder mit nichts mehr als Sternhimmel als Dach über den Kopf, gehörig sind wir zur Marine und Milchstraße ebensogut wie zum Wald und Tierkreis.

Es wurde einmal gesagt, es gebe drei Wahrheiten: Eine für einige, eine andere für viele andere, und ein gewisses Unbekannte. Im weitesten Sinne möglich sind diese wohl Wahrheiten. .  . drei Unwahrheiten. Auf dreierlei Art auch lassen sich Lügner und Nichtlügner vergleichen: Der Lügner beschäftigt sich mit dem Lügen zu sehr, um Zeit zu verschwenden, darauf zu beharren, dass er irgend eine Wahrheit sagt. Dabei befassen sich Nichtlügner so tief mit der Lüge, da sie nie vergessen, dass sie eine Lüge leben und dadurch entschlossen sind, elegant in der Philosophie von bedingte Wahrheiten zu äußern. Und der entscheidende Faktor, wie sich Lügner und Nichtlügner von einander absetzen? Der bleibt unbekannt. Dasselbe gilt für Dieb und Nichtdieb.

Die Übertragung vom Folgenden wirkt klar aber nicht unbedingt unmittelbar: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.” Da wird wohl eine Idee besagt, die aber aus anderer Perspektive noch direkter aussieht: Was wir tun, tun wir uns. Leider sind wir nicht so direkt belehrbar. Daher die dritte Person.

Aber was ist unser Punkt? Wann kommen wir endlich zum Punkt? In der Frage steht die Antwort: endlich. Wir kommen entsprechend unserm Thema alle zusammen zuerst zu einer Reihe von Nebensätzen, zwischen welchen, wie üblich, Kommas hinabhängen, und dann, genau wo er doch hingehört, kommen wir schließlich zum Punkt.

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Der Parkbank Pinkler Kapitel XVII: Grund genug

„Es ist die Frage, weiter, rücksichtslos weiter, oder aufhören, Schluss machen.”

—Thomas Bernhard
XVII.

Er sitzt auf einem Bett allein im Haftraum. Es liegen gegen ihn Hinweise für drei verschiedene Straftaten vor. Das ist Grund genug, ihn hier zu behalten. Verdächtigt ist er, einen Obdachloser in Hafennähe erschlagen zu haben. Der Verdächtiger wurde aufgefunden, mit der vermutlichen Opferjacke bei, samt Blutflecken. Er hat die Tatsache weder eingestanden noch bestritten. Wie er in den Besitz vom Bekleidungsstück kam, hat er bisher geschwiegen. Präzisere Details zu den Vorwürfen gibt es auch noch nicht.

Vor etlichen Stunden am Uferweg hinter Märkischem Platz wurde er von einem Streifenpolizist wachgerüttelt. Vielleicht ist es schon ein Tag her. Wenige Tagen davor war dieser Wachmeister auf den relevanten Ermordeten gestoßen, auf den selben Bank liegend, Kopf in Richtung Jannowitzbrücke zeigend, wie später der vom vermutlichen Täter, was der Blauer nicht umhin kam zu bemerken, wenn auch nur nebenbei.

Nun ist es unserm Verdachtsperson nicht entgangen, dass dieses Bett jener Schlafbankfläche in Größe und Form entspricht. Es ist wohl von dünn gepolsterten Brettern im Knast die Rede, aber den eckigen Latten gegenüber, was nicht unerheblich zu Hüft- und Nierenschmerzen führt, fühlt es sich hier behaglich an.

Er wägt das Für und Wider weiter ab: Hier gibts Schlafplatz und Essen. Wärme. Ein Klo. Eine Dusche. Selbstverständlich, nimmt man an, jedoch Schurken, die einem eventuell Gewalt antun. Doch draußen gibts sie auch. Und Mord ist grad angesagt. Dafür ist die Zeit irgendwie. Schlafplätze und Essen sind scheiße und stets aufdringlich im Kopf anstatt im Magen. Matratze wird irgendwann immer geklaut. Auch wenn es nicht kalt ist, ist es manchmal kalt.

Außerdem gibts keinen Blickkontakt mehr, geschweige denn das Miteinander. Ob es hier drin gibt? Auf der Straße wird es sich überall vor Unbehagen bis Ekel abgewendet. Dadurch wird sich die Minderwertigkeit andauernd verfestigt. So bloßgestellt zu werden, dass einer in diesem Welt versagen hat. Dass einer den Wille nicht besitzt. Dass man ab irgendwann diesen Wille als unerreichbar erlebt und auf dem Gehweg sitzt und Blickkontakt meidet auch nur kurz zu sehen zu bekommen.

Und das noch indirekt gegenseitig von der breiten Masse, indem sie den Blick meidet auch nur kurz zu werfen, um nicht selber bloßgestellt zu werden, dass sie einiges erkennt. Dass zum Beispiel Wohnungslosigkeit eine Ursache des Alkoholismus sei, ist Quatsch. Weil, was auch nur teilweise Quatsch ist, ist schlicht Quatsch. Dass obwohl es sich allezeit besoffene Penner gab — mit Leberzirrhose bis in der rot befleckten Nase erscheinend, die den größten Schauplätze der Erde schmücken und besudeln —, dass eine ursprüngliche Ursache tief in sich herumtreibt und sich wiedererkennt in den menschlichen Steinen, die in den Weg liegen.

Dass, was teilweise Quatsch ist, ist schlicht Quatsch, insofern Symptome zur Ausrede werden, Grund genug, dem Bettler keine Hilfe zu leisten und, wenn schon, nicht weil er damit Alkohol sucht, sondern weil er nicht im Besitz von diesem Willen ist. Tief im Inneren erkennt man den Unterschied zwischen diesem Willen und dem Lebenswillen. Ersteres ist Lebenslust, was unser Gefangener vermutet, nur gerochen zu haben. Gesehen. Gehört. Davon gehört. Observiert.

Zwischen damals, als er glücklich genug war, Unterlage und Wände unterm Dach zu haben — Grund genug, glücklich zu sein und trotzdem nicht glücklich —, und seitdem er auch ohne dieses weitermacht, ist der Lebenswille ohnehin de facto vorhanden. Und nun, obwohl das Ernähren eine Frage von Ob anstatt Wann und Wo und Wieviel ist, eine gewisse Ungewissheit herrscht über alles, die sagt, falls einer zuhört, warum man so treibt. Warum nur?

Diese allmächtige Ungewissheit heißt Todesangst. Ebenfalls darum wird den Blick abgewandt. Überdies ist das Augenkontakt soweit verloren wie es aus dem Gedächtnis unsrer Verdachtsperson verschwunden, wann er das erste Mal erkannte, mit dem Fluch von Lebenswille ohne Lebenslust beladen zu sein.

Zumindest von der Lage her sind alle Gefangene einigermaßen gleich. Ob sie vertraut verkehren ist rein akademisch. Das Arbeitsrätsel erledigt sich auch. Hier bedrängt der Wille nur die, die auf freiem Fuß wollen. Heute Nacht wurde gegessen und gut geschlafen. Grund genug zu gestehen ist seiner Gedanke, was sich von selbst versteht und auf ihn wirkt geradezu wie eine gewaltige Erleichterung.

Mit einem aufschreckenden Knall wird die Flurtür aufgesperrt. Widerhallende Sohlen begleiten einen schleppenden Schlüsselbund und kommen der Zelle nah. Der Schatten des Wärters kommt zuerst an, dicht gefolgt von seiner Gestalt. Sie versammeln sich vor den Gitterstäben und werfen einen neuen Schatten dahinter. Der stoppt, schließt um, schiebt auf und meint, »Die Beweiskraft der Indizien reicht nicht aus um Sie hier weiter festzuhalten. Sie dürfen nun gehen.«

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Der Parkbank Pinkler Kapitel XVI: erhellend und matt

XVI.

Dies ist die Geschichte von Kraft und Leere. Nicht allzu kompliziert zu erfassen, wenn man deren Wesentliche erleben hat oder wie hier, ist man bislang mit der Zusammenwirkung von Kräften und Leere ausgekommen. Jedoch verschachtelt ist der Geschichte wie die Kreisen der Hölle, wenn erzählt werden muss, über kräftige Leere gegenüber leeren Kräften und dann noch über leere Kräfte gegenüber kräftigen Leere. Gar nicht zu reden vom Verklausulieren nötig seitens des Erzählers.

Selbstredend kommen Leser zu dem Schluss, dass eine Festlegung von Begriffen Vorrang hat. Was ist Kraft? Was ist Leere? So einfach ist es leider auch nicht. Gerade deshalb diese Geschichte. Ich sag dies nicht, um die Geschichte im Voraus rätselhaft aufzuweisen, auch nun nur nicht, deren besonderen Umriss vorzulegen, aber doch: Die Geschichte bestimmt die Begriffe, nicht andersrum. Wiederum wird die Bedingungen der Geschichte von den daraus gewonnenen Begrifflichkeiten abhängen.

Vorwiegend aber und ganz einfach, eine Geschichte dürfte mehr sein als ein Bild wert. Eventuell auch diese. Leider bin ich weder Maler noch Schriftsteller. Als nichtmaler Künstler dennoch, zu erzählen habe ich eine Geschichte. Sie hängt von Worten ab und ich von Wörtern und, wie gesagt, die Bedeutung dieser Geschichte besteht aus Worte-abhängigen Wörtern. Kurzum: Metapher und Analogie kraft der Parabel. Diese handelt sich vom Folgenden:

Sprich: es war nicht nur einmal. Es war immer wieder. Wie der Messiahs von Fleischhändel aus dem Fall von Thomas von Aquin: Unsterblich. Lobt Jah! Und es wird noch immer sein. Oje! Wir werden bitter Vorräte nötig haben. Jedenfalls mehr als was Otto von Sprichwort parat hat.

»Bei Otto von Sprichwort ist nichts unbekannt.«  »Ich brauch aber eine Lebenszielversicherung, nicht Lebenszielberatung.«  »Zum Glück kenne ich auch noch einen Lebenszielversicherungs-verkäufer.«

Überleg. »Ist er teuer?«  »Billig ist er gerade nicht. Günstig aber, wenn einer bedenkt, was man dafür bekommt.«  »Die Versicherung ist ohnehin lebensrechtlich vorgeschrieben.«  »Eben.«

Und so macht sich unser Lebenszielversicherungsarme auf den Weg. Wie der Zufall es wollte, ist sein Ziel nur zwei Busse entfernt, der Eins-elf und der Einundzwanzig, darunter achtzehn Haltestellen. Zweimal Dreiviertelstunde. Am Büro angekommen, holt er den Aufzug in die neunten Etage und meldet sich bei der Dame am Empfang: »Sind Sie Laufkunde?«  »Bin mit dem Bus gekommen.«  Zugewiesen nimmt er im Wartezimmer Platz. Darunter ein Heft, eine Illustierte, anderthalb Artikel, viele Bilder. Dreiviertelstunde.

»So. Sie möchten bei uns eine Versicherung abschließen.«  »Na ja. Ich bin verpflichtet.«

»So so! Eine Lebenszielversicherung! Dabei kann ich Ihnen recht behilflich sein.« Er steht auf und geht zur Tür. »Frau Fang, bitte übergeben Sie mir den Lebenszielberatungsschein von Herrn…«

»Er hat keins. Der Herr gehört auch der Laufkundschaft.«  Von über die Kundenschulter: »Ich bin mit dem Bus gekommen.«

»So so.« Die Tür wird geschlossen und Platz wieder genommen hinterm Schreibtisch. »Sie hätten doch lieber erst anrufen sollen, der Herr. Allerdings ist der Fernsprecher noch nicht erfunden, und wir hätten den Anruf sowieso nichts entgegengenommen… trotzdem. Egal. Sie müssen uns ein Beratungsschein vorlegen. Ohne Lebenszielberatung wird keiner versichert. Zumindest nicht in diesem Staat. Wo kommen denn her, Herr…«

Das war einmal. Vielmals läuft es ähnlich so, auch nach Erfindung des Telefons. Meistens versucht der Lebensziel-versicherungsarme dem Kaufmann zu erklären, wie es schon beim Berater wirklich umgekehrt abgelaufen war, wo es heißt, der Beratene muss dem Zielberater den Versicherungsvertrag vorlegen können. Sonst wird keine Lebenszielberatung geboten beziehungsweise in Anspruch genommen. Zumal in jenem Staat.

Noch nicht ein einziges Mal weißt der Lebensziel-versicherungsarme beziehungsweise der Lebenszielberatungs-scheinlose, wo er her kommt. Er weißt lediglich, er kommt mit dem Bus.

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Der Parkbank Pinkler Kapitel XV: s’Klatscht-Gleich-Platz

„…und die Wörter, mit welchen wir aus Verlassenheit im Gehirn hantieren, mit Tausenden und Hunderttausenden von ausgeleierten…“

—Thomas Bernhard
XV.

In den neunzigern vor dem bevorstehender WM in Chicago hat man den Wacker Drive von ihren unbehausten Allgemeinheit geräumt die da angesammelt haben und allerdings nicht ganz unbehaust waren. Da wurde immerhin in unterster Strecke dieser drei-ebenen Straßenzügen eine grobe Unterkunft gebastelt wie bei Skid Row in Los Angeles aber wie gesagt Untergrund im wahrsten Sinne. Bei der Räumung hab ich zwar nicht mitgemacht aber Gegenwehr habe ich auch nicht geleistet.

Arbeiten habe ich in meiner Studienzeit da unten im Restaurant als Kellnerin und pflegte regelmäßig Feierabends beziehungsweise in der Pause die von unsern wohlhabenden Gästen nicht total verzerrten Essensreste für die Außenbewohner klammheimlich aufzustellen. Dies wäre Kündigungsgrund. Rettung vom Abfall bleibt Diebstahl.

Räumungstag war zu nachtschlafender Zeit. Frühmorgens im Halbdunkel hatte ich gerade Feierabend als die Bullen diese Menschenmenge wegschleppten was viel mehr waren als man zu erwarten mag. Aus dem Schlaf gerissen zu werden ist das Böseste dabei war sofort meine Gedanke. Wenn wie ich wahrscheinlich gerade erst eingepennt nach stundenlang rastloser Rast.

Schlafplätze waren es nur. Tagsüber nie besetzt. Hätte man bis mittags gewartet wären sie wohl wie Biene ohne Wabe wieder abends angekommen aber mindestens hätten sie ihr Schlaf am morgen davor.

Damit fertig beorderte unser Boss die bei uns illegal angestellten Billiglöhner die Plätze auszuräumen. Für diesen Zweck schon hatten sie riesige Container bestellt obwohl wir schon welche hatten. Die Extras dienten als Machtdemonstration zugunsten von unter anderen den achso hart arbeitenden Geschäftsreisenden die zu jener Zeit besoffen unsre Bar verlassen.

Hin und wieder ausschließlich beim Einschlafsbemühungen denke ich an diesen Moment. Ein paar Tagen danach zur WM Eröffnungszeremonie erschien Helmut Kohl zusammen mit Bill Clinton. Was man leisten muss um Host Country zu sein hatte ich damals keine Ahnung obwohl ich täglich mehrere Zeitung las. Zwölf Jahre später nur bin ich auf der Straßen von Berlin gelandet. Pünktlich zur WM.

Sechs Jahre davor eine Woche vor dem Votum für Ausrichterland hat Gerhard Schröder das Waffenembargo gegen Saudi Arabien aufgehoben und ihnen Granatwerfer zugestellt. Einige Berichte zufolge würde das als vorläufige Gegenleistung für die Saudis Stimme. Sechs Jahre später war es mit der Platzvertreibung hier in Stadtmitte auch nicht gespart.

Und der Ritus zur Bettzeit ist so ähnlich wiefern das Gebet des Barden unentwegt vor sich hin erhofft vielleicht auch träumen vielleicht auch träumen vielleicht auch träumen vielleicht auch. Vielleicht.

Viel leicht ist es nicht.

Die Gedanken laufen unbehindert von Buchstaben obwohl wir glauben über Wörter zu stolpern. Diese blitzschnellen Begriffe wird nicht vom Wortbau angehalten ja daher genausogleich vergessen wenn nicht an den Wortbaustelle eingetroffen. Wer von uns können das ruhig hinnehmen?

Liegend heißt nicht gerade ruhig. Ist gerade auch nicht.

Ich kann es nicht verstehen sagte Ollie damals warum gerade diejenigen die alles haben öfter dazu neigen Atheisten zu sein als die mit nichts. Ich tat mein Bestes zu erklären obwohl ich glaubte seiner Vordersatz nicht stimmte Neigen tun wir alle hauptsächlich wenn wir angezogen. Ich meine selber bin ich nicht gläubig aber was habe ich früher geglaubt zu haben? Naja. Aus heutigen Sicht viel mehr als heute aber damals… kann ich nur so zurückblicken… hatte ich nicht das Gefühl von bereicherter Existenz. Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen…

Religion ist eigenes Ding meinten die Preußen. Frag mal die Hugenotten. Eines wofür ich Ollie schätzte war dass er keineswegs sein Glauben predigte genauso wie er erkannte in mir dass ich keine von diesen evangelisierenden Neuatheisten bin. Religion hat ich als ich Wohnung Job und Familie hatte. Heute sieht es umgekehrt aus. Ich weiß aber wovon Ollie redete. Ärmere Menschen beten oft zu einem Gott. Gebildet mit Geld beten bestens zu der unsichtbaren Hand der Marktwirtschaft für materiellen Erfolg. Inwiefern diese einer Glaube pflegen wenn sie behaupten einer Religionsgemeinschaft anzugehören kann ich nicht besser behaupten als ich selber damals als Kind in der Kirche. War mein Glauben echt? Vielleicht auch träumen.

Wenn man wissen will ob wir mit einander geschlafen haben sag ich nur dass der Ding mit Obdachlosen und Sex jedenfalls meiner Erfahrung nach ist dass es nicht viel Sex gibt langzeitig ohne Obhut wenn überhaupt denn schräg. Geschlafen haben wir schon und wie es mit dem Miteinander vorging hat er mir viel Nützliches beigebracht aber auch viel Unsinn. Bei diesem Wetter zum Beispiel. Man erfährt rasch im Winter dass solange die Decken stimmen schläft man warm auch unterm Frost. Ollie meinte sich besser erst eng in seinen Mädels Polly und Esther zu wickeln damit meinte er in Stoff vom Seesack. Kann ich aber nicht ausstehen wegen der Lästigkeit wälze herum so abends und muss widerstandslos untern Decken gleiten und schlüpfen können und damit ist gleiten nicht möglich.

Und während ich ehrlich zu sagen nicht ausschließen kann dass es Übernacht mit Canvas am Haut doch wärmer würde bleibe ich trotzdem eher skeptisch. Ich meine wer tauscht Zelt und Schlafsack herum? Ollie hats! Nicht dass der Typ kein Genie war in seiner Art und Weise aber wollte manchmal nur noch den Querdenker darstellen und hat da gerne Konträrtheorien ausgedacht. Hierfür durchlebte er doch die experimentelle Phase und bestand darauf dass man die Nächte so reglos wie möglich durchmachen muss. Dafür hatte er glaube ich stets Muskelkater. Der toter Erfinder. Tagsüber war alles an ihm steif bis auf den Pimmel. Frag mich noch ob ich mit ihm Sex hatte! Ich lache mich selbst tot!

Buddelschiffgespräche redete er doch den ganzen Tag daher. Man sitzt auf selbst gebauten Kühlcontainerschiff gefangen in vom phantasierten Gott geblasener Flasche schwebend auf hoher See ohne Ende und betet um Wärme und Luft. Früher waren wir beide bestimmt junge Genies nun nur bin ich Idiotin alt und allein.

Vom Frühjahr kennt man diesen breiten Temperaturwechsel. Noch früher im Jahr wenn Winter noch nicht ausgeklungen ist weicht es in Berlin auch noch bedeutender ab aber anstatt wie in Mai diese nicht wissen ob man eine Jacke herumtragen muss oder nicht ist es im Februar schon so dass man schön in der Sonne sitzt ohne zu ahnen dass in weniger Stunden noch minus Grad kommt und zwar gegebenenfalls ziemlich so.

Es ist schade um Ollie. Das ist eigentlich ein Spitzname. Er ist von Kumpeln benannt nach Skateboardtrick, dieser selber nach noch lebendem Erfinder getauft. Ich habe miterleben müssen wie zwei Dreckskinder ihn tot vom Ufer ins Wasser geworfen haben. Begangen haben sie den Mord nicht bin mir sicher. Ich hab die da direkt zur Rede gestellt und der Jüngere schwor dass sie nur Spaß mit der Leiche haben wollten impliziert dabei die Frage wie oft solch eine Gelegenheit bieten würde. Herumblödeln mit echter Leiche. Er hätte nicht älter als elf sein können. Nein diese grausigen Arschlöcher sind am Mord von Ollie nicht beteiligt hat man doch daran erinnert dass die irdische Verstrickung nicht von alleine löst.

Es gibt Klugpolizisten und Klugscheißerbullen.  Diese sind bin ich mir sicher oft genug Sportmörder. Jene sind sich durch ihre Klugheit zu Klug beim unbequemsten Beweis nachhaken zu vertrauen. Es sei denn die arbeiten beim Verfassungsschutz dann setzen sie selber die Mörder ein. Dass ist die vorgenannte Unbequemlichkeit womit die schweigende Mehrheit einfach so umgehen. Die Beamter verstehen das schon wenn sie lang genug im Amt sind. Zumindest sei sie nicht die zurückgebliebenste Trottel.

Ollie meinte dass in der DDR auf dem Grenzturm haben sie immer drei dabei gehabt da zu zweit kommt es zu einfach zu Fluchtgerede wobei ein Dreier eine gewisse Mistrauensdynamik fördert. Jeder Dritter ist von höher Wahrscheinlichkeit Außenseiter oder trägt mit sich das Gefühl herum verdächtig Verräter zu sein oder zu werden ob gegenüber dem angeblich guten Gesetz oder der moralisch berechtigten Flucht. Eins gegen zwei vermutet jeder zur selben Zeit.

Unter rein psychologischem Gesichtspunkt war das Grenzkontrollprotokoll clever erdacht. Ollie war cleverer meinte er und meinte anstatt bloß die anderen zu fragen wie wäre es wenn wir von hier loswerden lieber den Kollegen eines Tages schlicht »Hej wenn ihr euch auf leisen Stiefeln davonschleichen wollen sag ich gar nichts.«

Ich will nur selber schützen meinte er »da ich Familie habe und nicht hiervon traue«. Sagte ihnen »Ich versuch möglichst euren Leumund zu wahren indem ich sag ich bin recht spät auf Posten eingetrudelt.« Oder nein. Das ist bescheuert. Auf jeden Fall vermerkte er etwa dass das Problem war natürlich dass die jeweiligen Kollegen von Vorschicht dürfen den Posten nur einzeln verlassen alsbald einzeln abgelöst. »Sonst könnte ich behaupten dass ich euch nicht angetroffen habe beim Ankommen auf Posten. Von keiner Flucht könnte die Rede sein zumindest nicht ohne persönliche Pflichtvernachlässigung.«

So hat er es gesagt um die Kollegen in den Gedankengang zu bringen. Zu zweit würden sie gewiss darüber weiter reden meinte Ollie und am Tag danach kamen pünktlich an und behaupteten bald werden sie abhauen und haben sie auch gemacht. Ollie meinte er hat so gleich daraufhin dasselbe gemacht dass er die Flüchtlinge fast überholte. Letztendlich verließen sie das Land zu dritt.

Ich glaube ich hab meine herumlabernden Gedanken frei Erfindung von unsinnigen Details zur Ollies Erzählung überlassen. Er würd nun schon schlafen der Schwein. Vielleicht auch träumen.

Sitz im Berlin. Eine Analogie. Zur Rolle als Bundeshauptstadt. Also Metonym. Es gibt zwei Missverständnisse. Der eine ist kulturell der andere ist syntaktisch. Kulturell ist gegenüber dem Grundgesetz immer von Verfassungsschutz die Rede obwohl es kein Verfassung gibt. Mit Verfassungsbegriffe meint man nur so als wäre man Verfassung haben und nicht als sollte man eine Verfassung haben. Demnach reicht es schon. Mit Verfassung verstehen alle Grundgesetz obwohl sie nicht darüber weiter Gedanken machen wenn überhaupt darüber nachdenken.

Der syntaktische Missverständnis handelt vom Inhalt vom Grundgesetz nämlich wie man nicht behindert werden dürfte die freie Entfaltung der Persönlichkeit zu erleben oder ähnliches. Auf Englisch setzt man das als Development of the Personality um. Dass Entwicklung nicht gerade Entfaltung bedeutet, denkt man jedoch, stellt schnell fest dass es mit Übersetzungen entscheidend am Kontext liegt. Es wäre so in diesem Fall stimmen aber hier sitzt man schön tiefer in der Patsche weil Entfaltung ist eigentlich eigene Sache und lässt sich nicht klar mit dem einen Wort umsetzen. Übersetzen tut man aber sowieso. Was sonst?

Also sagen wir auf der einen Seite oder besser gesagt auf der anderen Seite des Atlantiks sagen wir zuerst dass ein Personality wie Körper und Geist von frühster Kindheit an über Jahre sich entwickeln lässt. Ein vernünftiges Stück hier ein verrücktes Stück da. Daraus wird normaler Mensch gebaut. Bei Entfalten dagegen ist alles schon da und muss sich nur unbeschädigt bewahrheiten. Der erste ist roh und unvollkommen der zweite ein entstehendes Vorhandensein. Bevor es zum Handelsabkommen zwischen zwei solch rezenten Weltkulturen kommt sollte sich gefragt werden welches Leitbild besser zum Roboter und welches zum Mensch.

Beide betroffenen Länder haben jeweilig ein tief gewurzeltes Verständnis von Rechte und beide erleben wie sich diese Unrecht verleihen lässt. Also Entwicklung oder Entfaltung?

Heute hab ich andere Sorgen dass es tagsüber schon so sonnig und warm ist nachtsüber wirds wie Döblin meinte Hundekalt. »s’Klatscht gleich«, hattes sich Ollie so ausgedrückt. Deswegen vor allem gut einwickeln. Einen härteren Schlag als plötzlich im Tiefkühl aufwachen gibts. Aber kaum.

Vieles hat mir Ollie nur indirekt beigebracht wie zum Beispiel wie man von A nach B kommt oder eher in welchen Sinn dass verstanden wird. Für lange Zeit verstand ich das Wort Strecke, wie Wegstrecke, als eine Distanz. Irgendwann mal als mir Ollie einen besseren Weg beschrieb, fiel mir plötzlich ein dass wenn die Rede von Leistungsorientierung ist kann sie genausogut in geometrischem Sinne so’nen Geradenabschnitt indizieren. In diesem Sinne hab ich nach Jahren das erste Mal verstanden wie ich zwei Strecken von meinem irgendeinmaligen Ziel entfernt war anstatt eine abwegige Kurve plus Strecke oder zwei.

Ob ich nun schon schlafe bestimmt nicht. Im oder am Gehirn hantieren? Vom Sprachökonomie dürfte gar keine Rede sein. Warte. Dit hap ick ooch falsch rum. Wenn das nicht genug ist gibts ja auch Geschlechtsfehler. Und was Wirtschaftsaktivität angeht, im wahrsten Sinne die unsere Batteriesaft an den bösen Bonzen, trägt mein täglich geklautes Brot auch schon zur Konjunktur bei. Aggregat. Der Wind weht. Ich vermisse Ollie nicht. Wie schrecklich ist das denn? Oder vermisse ich ihn schon? Bonzen. Brot. Böse Bonzenbrot. Bitterkalt Böe birst. Ich höre es. Fühle es noch nicht. Butterkelt Ollen mit Ollie im Bereich der Schleuse. Er wollte dreimal Goldfisch essen. Dreimal immer fatal Schicksal. Denn wer ertrüg der Zeiten Spott und Geißel…

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Der Parkbank Pinkler Kapitel XIV: die Geschichte im Voraus gefälscht

„Ab ins Fegefeuer!“

—Blutkotzende Goten – Gefickt & Fertig LIVE!
XIV.

Von den Nischensitzplätzen links und rechts glich es einem Diner. Am Fenster hinten in der Ecke wuchs die breiteste vom Tisch verborgenen Bank mit ihrem Winkel zusammen. Auf der anderen Seite der Raumbreite verlief die Theke, deren Vorderende eine Diskussion über eine gegenwärtige Geschäftslage knapp verbarg. Der Chef versuchte zu veranlassen, dass gerade der Neuling ihren Stammpenner hinauswerft. Dieser würde das bestimmt nicht wollen, hatte sich schon bequem in besagter Ecke gemacht. „Der Azubi (faktisch gerade dabei, für wenig Zeit & noch weniger Geld ein Praktikum im Gastgewerbe abzuleisten) versuchte die entscheidende Kompromissbereitschaft aus der Lehre zu erproben. Eventuell dürfte er woanders sitzen?

Unweit dieser Verhandlung, dem Eingangstür entgegengesetzt, saß zwei Beamtinnen. HK Katrin Elsner wärmte sich die Hände an der Kaffeetasse: »Unabhängig von jener Stichhaltigkeit, das Menschentum ist vom Skeptizismus überrannt.«

KM Elke Lamprecht zog die Augenbrauen zusammen: »Ich bin mir nicht sicher, ob das so für mich gilt.« Sie merkte sofort die ungewollte Ironie dieser Erwiderung. HK Elsner, dieselbe Ironie eh schon vorab von der mimischen Muskulatur  ihrer Gesprächspartnerin merkend: »Aus dem Englischen zurückgeholt hieße es eher noch die Verleugnung, denn Denial wurde demnach zu dem, was man nicht wahrhaben will, weder unbedingt eine schlichte Negation, noch nur das, woran nicht geglaubt wird.«

»Unabhängig von der Stichhaltigkeit der Freud’schen Sichtweise«, sprach die Lamprecht diesmal mit gewollter Ironie. Elsner, Augenbrauen hoch: »Eben.«

Unsicher, was diese Stirn zu verbergen mag, entschied sich die Kriminalmeisterin abzuwarten, falls sie es gleich sich erledigt bekommt, fortführend aus dem Mund der Erster Hauptkommissarin: »Dessen bedeutendster Beitrag sollte nicht als psychotherapeutisch gelten, obwohl seine psychologische Wirkung unermesslich groß ist. Der Herr Doktor hat die Semantik entscheidend geändert, wenngleich weder als Semiotiker noch Linguist.«

Lamprecht: »Frau Hauptkommissarin…«  Elsner: »Ach bitte. Katrin. Ist es nicht längst Zeit, dass wir uns duzen? Es sei denn, die Frau Kriminalmeisterin möchte förmlich samt der Anred…«

»Katrin? Gerne. Aber bitte für mich nur El.« Das war eine Überraschung, dachte El. Überhaupt hat sie nicht erwartet, diese kulturelle Möglichkeit zu erwarten.

»Wie schön. Dann. El. Du wolltest noch sagen?« Eben zu Ohren gekommen kam das El so komisch vor. Erst recht während dieses angeblich gleich beginnenden Vortrags über die Sprache und ihre Psycho-effekte. Was wollte sie noch sagen? Vielleicht wenn das duzen gewöhnlicher wird, mit Frau Elsner– äh, Katrin – könnte El endlich mal aufhören, mit diesem ablenkenden Blabla im Kopf. O du Scheiße! El ist gleich zu Beginn so nah an Katrins Nachname, Elsner! Es wirkt gruselig, oder? Eventuell dürfte El Katrin nur noch Ka nennen. Ka und El.  »El? Bist du okay?«

»Ähm. Sicher. Kaa-trin. Ich wollte Ihn…er, dich noch fraa-gen. Ähm. Was ist das mit dem Denial?«  »Ähm. Gut. Ja. Okay. Denk mal an alles Mögliche, woran du nicht glaubst, gegenüber das, womit du gar nicht abfinden kannst, aber sonst nie daran denkst, wenn es sich vermeiden lässt. Letzteres hat Freud von Verleugnung in der Muttersprache ins Denial übersetzt beziehungsweise übersetzen lassen. Damals hieß dies nur so wie eine Negierung, oder das Bestreiten einer Behauptung. Immerhin ist später die Rede von Disavowal, da Englisch sprechende Wissenschaftler ahnten, Denial der dementsprechenden psychologischen Tiefe nicht entgegenkam, oder so der Gedanke.«

»Doch ist das Problem«, sprach Katrin weiter, »dass die Tochter von Sigmund Freud ihre Sprachen von Sigmund Freud beigebrachte worden war. Nach Anna Freud war Denial in diesem Sinne völlig normal. Daher dauerte es kein Jahrhundert bis das Wort in zwei, obwohl sehr ähnliche, irgendwie ganz andere, Begriffe spaltete. Und das ist genau was Freud meinte passieren soll, wenn man etwas nicht wahrhaben will. Eine Spaltung der Psyche.«

»Nun willst du bestimmt wissen«, fragte Katrin zur Bestätigung, »inwiefern ich diese Theorie wegen der Studienfaulheit verfälsche?«  Allerdings, dachte El, wüsste sie eher gern, ob ihre Chefin, duzend und frisch geduzt, ihre Miene erstaunlich effektiv abliest. Sonst möchte sie halt weiter zuhören, befahl: »Erzähl weiter.«

»Also haben wir zwei Begriffen. Sehr ähnlich so. Climate Change Denial ist trotz alledem verhältnismäßig neu. Es könnte heißen Klimaskepsis, als sei man selber Wissenschaftler, oder vertraue nicht auf die Unfehlbarkeit von kommerzgetriebenen Gutachten. Oder man ist einfach Idiot. Glaubt halt an nichts, egal wie sich die Beweise anhäufen. Diese nennt man Climate Change Deniers. Personifiziert also. Ist persönlicher und man kommt nicht davon weg. Immerhin ist ein Klimaskeptiker so gut wie ein Klimawandelleugner. Ein Versuch zwischen den beiden zu differenzieren bringt nichts. Obwohl sie die Ernsthaftigkeit aus der Psychoanalyse übertragen, gemeint ist eigentlich eher eine dickköpfige Ablehnung aus ideologischen Gründen.«

»Es gibt dennoch ein andere Art von Climate Change Denial und zwar mehr in Übereinstimmung mit der Freud’schen Lehre und Nachforschung jeweils von Sigmund und Anna. Tief pathologische Verleugnung bestimmt durchschnittlich besser gebildete Menschen als die Klimawandelleugner. Jener wissen, sowohl ihr Bildungsniveau zu schätzen als auch diese Leugner stillschweigend zu verachten, wenn nicht gerade mit offener Freude zu verhöhnen. Übrigens Verleugnen die Letztere, dass sie in Wirklichkeit gar nicht so gut gebildet sind, Argumente nicht verstehen, beziehungsweise nicht verfolgt haben. Ihre Verständnis ist unabhängig von deren Stichhaltigkeit, weil sie verstehen nicht, was sie behaupten sollen, zu verstehen.«

»Von Kindestagen an lernen wir durch Zuckerbrot und Peitsche. Irgendwann lernen wir mit Gott abzufinden, aber unsre Glaubenspraxis haben wir immer noch, sonst werden wir nicht in vollem Umfang akzeptiert. Wie cool kids halt. Unsre Götter sind bloß anders. Und noch mit Bedenken verdrängt.«

»Ach, ja, und der Klimawandel. Wie du siehst, El, wird tagtäglich von der vorherigen unterschätzen Tipping-Point berichtet. Sowie jedes Jahr vom neuen Hitzerekord. Wie es mit den einzelnen Elementen, die unsren Kohlenstoffrechner in die Höhe treibt. Einzeln und zusammen. Wie wir einzeln sich mit Containerschiffen nicht genugtun können, die Gleichgewicht der Weltwirtschaft aufrechtzuerhalten, ganz zu schweigen von unsrer Fressgier versklavt. Wie wir einzeln mit dem Flugzeug nach dem nächsten Kontinent zum Meeting fliegen lassen, obwohl es mit der Kommunikationstechnologie mit schon lange genügendem CO2-Fußabruck bis nun endlich mal ausreichen müsste. Schlicht die Energie, die wir verwenden, um Vieh zu züchten, ist bekanntermaßen enorm. Außer wenn, wir enorm unter Denial leiden.«

»Und zusammen. Früher hieß es, unsre Klimaabkommen würden, obwohl nicht genug, zumindest ein Anfang. Die Wissenschaft ist sich darüber einig, dass das neueste Accord keineswegs weit genug geht.«

»Und so heute haben wir eine Konversation zwischen zwei Gesprächspartner: Die, die Verleugnen, das es eine menschenverursachte Erderwärmung gibt, und die, die Verleugnen, dass wir nichts dagegen machen, weil unser Lebensstil vorgeht.«  Die Katrin atmete aus.

Dann atmete die HK Elsner wieder ein: »Okay. Wir müssen an der Arbeit. Es sieht aus, als werden unser Informant belästigt.«  Dem hat El schon eine Weile ins Auge gesehen, HK Katrin sitzt dagegen mit Rücken zum relevanten Ereignisse. Aber wie gerufen informierte sie ihre Kollegin: »Ich sah schon wie die Arbeitskräfte sich aufregen und große Sorgen machen. Erbärmlich.«

»Naja. Sie müssen sich um das Geschäft kümmern«, ließ KM Lamprecht lauten, ohne Leib oder Seele bei.  Und Katrin wieder: »Liebe El! Was für eine Gelegenheit, die Geschichte zu Ende zu bringen! Du hast recht!«, und mit diesen Worten und einzelnen Wörtern ließt sie ihre Stimme allmählich aber deutlich lauter werden: »Die Mitarbeiter müssen sich doch darum kümmern. Sie um ihres. Wir um unseres. Und wir alle denken an unsre Kundschaft. Falls es nicht so weit kommt, dass sich beschwert wird, bei dem Chef über den Gestank, bei unsrem Kaffeedienern über die ach so unvermeidbare Unansehnlichkeit, wird man auch mal von Zivilisten vorläufig festgenommen. Weil wir es so wollen?«  Sie stand auf.  »Weil Sie es so wollen? Bitte sagen Sie es mir, irgendjemand, wer will das?«  Sie saß wieder hin, trank den letzten Schluck Kaffee.  »We’re in Denial, El! Wir verleugnen, dass jemand auf der Straße zu setzen das Gefühl trägt, in wörtlichem Sinne, jemand kaltzustellen! Und hier bei Minusgrade ist die Gefühl ziemlich tief!«

Als die Detektiven ihren Zeuge unter Schutz aus dem Laden geleitete, schrie er zu niemand bestimmten nach: »Breed and raise the pigs until the pent bounty cries for feasting of fear and destruction!«

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